In der digitalen Welt scheint ein Phänomen allgegenwärtig: das unaufhörliche Scrollen durch Nachrichtenfeeds, die gefüllt sind mit Katastrophen, Krisen und Konflikten. „Doomscrolling“ nennt man dieses Verhalten, das wie ein Sog wirkt – man will sich abwenden, doch die nächste Schreckensmeldung ist nur einen Fingerwisch entfernt. Gleichzeitig buhlen reißerische Überschriften um Aufmerksamkeit, versprechen Sensationen oder skandalisieren Alltägliches. In dieser ständigen Flut negativer und polarisierender Inhalte liegt eine Gefahr, die weit über die individuelle Psyche hinausreicht: Sie verändert unsere politische Kultur nachhaltig.
Doomscrolling und Clickbaiting verstärken sich gegenseitig in einem Teufelskreis. Algorithmen sozialer Medien priorisieren Inhalte, die Emotionen wecken – insbesondere Wut, Angst oder Empörung. Differenzierte Meinungen, leise Zwischentöne oder komplexe Analysen werden in dieser digitalen Kakophonie schnell überhört. Stattdessen dominieren jene, die lauter, drastischer, kompromissloser auftreten. Das beeinflusst nicht nur den Einzelnen, sondern auch die Art und Weise, wie Politik wahrgenommen und betrieben wird.
Wer sich täglich durch eine Flut negativer Schlagzeilen kämpft, stumpft nicht nur ab, sondern entwickelt zunehmend ein Denken in Gegensätzen: richtig oder falsch, Freund oder Feind, Sieg oder Niederlage. Kompromisse wirken in einer solchen Welt wie Verrat, Reflexion wie Schwäche. Dieser Effekt bleibt nicht auf die virtuelle Welt beschränkt. Er sickert in die politische Realität ein, in der Parteien, Politiker und Aktivisten längst begriffen haben, dass Aufmerksamkeit zur Währung geworden ist – und dass man sie nicht mit differenzierten Abwägungen, sondern mit klaren Feindbildern und einfachen Lösungen gewinnt.
Der politische Diskurs verroht in diesem Klima. Konsens und Kompromiss, einst Grundpfeiler demokratischer Aushandlungsprozesse, erscheinen vielen als Relikte einer vergangenen Zeit. Wozu mühsam verhandeln, wenn der nächste empörte Tweet bereits Tausende erreicht und stärkt? Warum nach Lösungen suchen, wenn sich mit Schuldzuweisungen mehr Anhänger mobilisieren lassen? Politiker, die an Ausgleich interessiert sind, verlieren im digitalen Lärm an Sichtbarkeit. Jene, die den radikalen Ton treffen, finden Gehör – und Nachahmer.
Langfristig führt dieser Wandel zu einer gefährlichen Erosion demokratischer Kultur. Wenn Kompromissbereitschaft als Schwäche gilt und politische Gegner zu Feinden werden, schrumpft der Raum für konstruktive Lösungen. Doomscrolling und Clickbaiting formen so eine Gesellschaft, die immer weiter auseinanderdriftet. Der schnelle Klick wird wichtiger als nachhaltiges Handeln, die kurzfristige Empörung ersetzt das langfristige Gestalten. In dieser Spirale droht nicht nur der Verlust politischer Mäßigung – sondern auch das Fundament unserer demokratischen Entscheidungsprozesse.
Die digitale Informationswelt ist längst kein Spiegel mehr, sondern ein Verstärker unserer Ängste und Aggressionen. Es liegt an uns, ob wir diesem Sog weiter nachgeben – oder ob wir den Mut finden, auch in der digitalen Ära wieder Räume für Kompromiss, Dialog und Differenzierung zu schaffen. Denn ohne diese Elemente bleibt Politik nicht nur in den sozialen Medien, sondern auch in der Realität kompromisslos – und damit perspektivlos.